Italienische Gesten verstehen

    Italienische Gesten
    Von Sara Cavallari

    Der US-amerikanische Filmschauspieler Anthony Quinn (1915–2001) behauptete einst, Italienisch sei „eine Gebärdensprache, deren Verständlichkeit durch Worte erschwert wird.“ In der Tat ist kaum ein anderes Land so bekannt für seine Gesten und Körpersprache wie Italien. Italiener sind wahrhafte Meister der nonverbalen Kommunikation: Sie drücken ihre Gefühle aus und unterstreichen das Gesagte mit ihrer Körperhaltung, mit der Lautstärke und Tonlage ihrer Stimme, mit Blicken, Gesten und manchmal sogar Grimassen. So entstehen lebendige und mitreißende Unterhaltungen. Wir stellen Ihnen hier vier der wichtigsten italienischen Gesten vor – unser Adesso-Redakteur Salvatore Viola und unsere Bildredakteurin Isadora Mancusi haben für Sie posiert!

    Danach gehen wir der Frage auf den Grund: Warum gestikulieren Italiener eigentlich so viel? Spannende Antworten kommen aus der historischen Forschung.

    Im Anschluss haben Sie die Möglichkeit, eine kurze Übung zum diesem Thema zu machen.

    Vier italienische Gesten, die jeder kennen sollte

    Gesten verändern sich nicht so leicht wie gesprochene Sprache, deswegen haben sie nahezu unverändert die Jahrhunderte überdauert und sind heute noch im täglichen Sprachgebrauch wiederzufinden. Die Mehrheit der italienischen Gesten hat auf der gesamten Halbinsel dieselbe Bedeutung. Gesten können beleidigen, Komplimente machen oder viele andere kommunikative Funktionen erfüllen.

    Genauso wie die gesprochene Sprache können Gesten verschiedene Register haben: So sind viele aus dem alltäglichen Standardgebrauch nicht wegzudenken, andere dagegen sind eher umgangssprachlich und manche wiederum ausgewählt und selten. Umso wichtiger ist es, sich mit diesen Gesten vertraut zu machen, um Fettnäpfchen und Missverständnisse zu vermeiden. Diese vier Gesten sollten Sie unbedingt kennen!

    1) Was willst du denn? – Ma che vuoi?

    Ma che vuoi?

    Fühlt sich ein Italiener von seinem Gegenüber überrumpelt oder genervt, kann er das mit dieser Handbewegung zeigen. Unter Freunden ist die Geste meist ironisch, unter Fremden kann sie allerdings zu Konflikten führen, wenn sie zu aggressiv eingesetzt wird.

    Die Fingerspitzen werden aneinandergedrückt und auf und ab bewegt.

    2) C’è del losco. – Da ist was faul.

    losco

    Wenn dem Italiener etwas suspekt ist, kann er das ganz ohne Worte ausdrücken. Vermutet er einen verdeckten Betrug oder eine krumme Tour, zeigt er das mit einer einfachen Geste.

    Der Handrücken zeigt nach oben, während die Hand sich leicht im Kreis bewegt.

    3) Zisch ab! – Smamma!

    Smamma

    Wenn ein Italiener genug von Ihnen hat, braucht er keine großen Beschimpfungen. Fordert er Sie auf, zu gehen, erkennen Sie es an dieser Bewegung.

    Bei der vollständigen Geste klopft die linke Hand wiederholt auf die Kante der rechten Hand. Diese Geste wird oft auch vereinfacht: Dann handelt es sich um eine Auf- und Abbewegung der flachen rechten Hand.

    4) Mi sta sullo stomaco. – Das kann ich nicht leiden.

    Mi sta sullo stomaco

    Mit dieser Geste zeigt man ohne Worte seine Missbilligung einer Situation. Das Wort stomaco (= Magen) deutet bereits darauf hin, dass man etwas – gleich einem Lebensmittel – „nicht verträgt“. Dasselbe gilt auch für Personen, die man nicht leiden kann oder die einem auf die Nerven gehen.

    Das Handgelenk ist gebeugt und die Hand wird mehrmals auf den Brustbereich geklopft.

    Warum gestikulieren Italiener eigentlich so viel?

    Das hat sich auch die Tageszeitung New York Times gefragt und ist dabei auf verschiedene Antworten gestoßen. Wir stellen Ihnen die zwei wichtigsten Theorien vor.

    1. Theorie: Gesten als Geheimsprache

    Laut dieser Theorie ist das Gestikulieren auf die Zeit der ausländischen Kolonisation Italiens zurückzuführen. Demnach sollen die Italiener im Laufe der Jahrhunderte das Gestikulieren als eine Art alternative Kommunikationsform entwickelt haben, die als Geheimsprache gegenüber ihren österreichischen, französischen und spanischen Lehensherren dienen sollte.

    2. Theorie: Blickfang durch Gesten

    Die italienische Professorin Isabella Poggi hat im Fachbereich Psychologie der Universität Roma Tre rund um das Thema Gesten geforscht. Laut ihrer Ergebnisse gibt es mindestens 250 italienische Gesten, die eine ganz konkrete Bedeutung haben. Sie postuliert, dass das Gestikulieren auf die Zeit der griechischen Kolonisation der südlichen Halbinsel zurückgeht: Die Städte des Südens waren damals so dichtbesiedelt, dass es in der Unübersichtlichkeit der Menschenmenge mühselig war, die Aufmerksamkeit des Gesprächspartners aufrechtzuerhalten. Gesten hatten also eine Art Blickfang-Funktion.

     

    Übung: I gesti degli italiani

    Genug der Theorie? Hier geht’s zur Übung!

    I gesti degli italiani

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